ENS 2010: 3.000 Neurolog/-innen tagen in Berlin
Depression verstärkt Schmerzen
Berlin, 22. Juni 2010- Depression verändert sowohl die Verarbeitung von Schmerzimpulsen als auch das Schmerzempfinden. Für diese Zusammenhänge stellten italienische Experten heute auf dem 20. Meeting der Europäischen Neurologen-Gesellschaft (ENS 2010) in Berlin neue Belege vor. Die anatomische Ursache dieses Zusammenhangs dürfte darin liegen, dass für die Verarbeitung von emotionalen Stimmungen im Gehirn zum Teil die gleichen Regionen und die gleichen Neurotransmitter zuständig sind wie für die Verarbeitung von körperlichem Schmerz. Dies wiederum könnte den Weg zu neuen Therapien weisen, mit denen Schmerzen und Depression gleichzeitig behandelt werden können.
Depressionsbeginn ist Schmerzbeginn
Eine Gruppe italienischer Forscher unter der Leitung von Prof. Michele Tinazzi verglich die Schmerzschwelle sowie die Schmerztoleranz von 25 Patient/-innen mit neu diagnostizierter und noch unbehandelter hochgradiger Depression mit den Werten einer gesunden Kontrollgruppe. 80 Prozent von ihnen berichteten von Muskel-, Gelenks- oder Kopfschmerzen, die zugleich mit oder nach dem Ausbruch der Depression aufgetreten waren. Im Verlauf der Studie wurden Patient/-innen wie Kontrollgruppe genormten elektrischen Schmerzimpulsen an beiden Händen und Füßen ausgesetzt. Dabei zeigte sich, dass sowohl die Schwelle, ab der ein Impuls als schmerzhaft empfunden wird (Schmerzschwelle) als auch die Toleranz gegenüber empfundenem Schmerz bei allen Patient/-innen mit Depression an allen gemessenen Körperstellen wesentlich niedriger lag als in der Kontrollgruppe - diese also deutlich schmerzempfindlicher waren.
Gemeinsam genutzte Gehirnregionen - gemeinsamer Therapieansatz
"Unsere Studie zeigt eindrucksvoll, dass der rein physiologische Aspekt der Schmerzschwelle und der kognitiv-emotionale Aspekt der Schmerztoleranz - also wie erträglich oder unerträglich mir der empfundene Schmerz vorkommt - Hand in Hand gehen", so Dr. Sandro Zambito Marsala (Ospedale San Martino, Belluno, Italien). "Der wahrscheinlichste Grund dafür liegt in der Tatsache, dass sich Schmerz- und Emotionsverarbeitung bestimmte Gehirnregionen ebenso teilen wie bestimmte neurophysiologische Signalübertragungswege." Da letztere wesentlich durch Regelkreise von Serotonin und Noradrenalin gesteuert werden, läge es nahe, dass Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Depression und Schmerz gleichzeitig bekämpfen und die Therapie damit wesentlich vereinfachen könnten. "Diese Hypothese muss aber erst durch weitere, detaillierte Studien überprüft werden," so Dr. Zambito Masala.
Quelle: ENS Abstract: P308 Pain threshold and tolerance in major depression disorder
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