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Neue Studie: Verwirrungszustände häufig neurologischer, nicht psychiatrischer Natur
Neurolog/-innen diskutieren auch Phänomen Schlafwandeln: Hohe Fremdverletzungsrate könnte Verbrechen erklären

Berlin, 21. Juni 2010
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ENS 2010: 3.000 Neurologen/-innen tagen in Berlin

Neue Studie: Verwirrungszustände häufig neurologischer, nicht psychiatrischer Natur

Neurolog/-innen diskutieren auch Phänomen Schlafwandeln: Hohe Fremdverletzungsrate könnte Verbrechen erklären

Akute Verwirrungszustände haben in mehr als der Hälfte der Fälle einen neurologischen Ursprung und nicht, wie häufig vermutet, einen psychischen. Das belegt eine auf der Jahrestagung der Europäischen Neurologen-Gesellschaft in Berlin präsentierte Arbeit. Rund zwei bis vier Prozent der Erwachsenen in Europa sind Schlafwandler. Im Erwachsenalter steigt das Risiko, sich selbst und andere zu verletzen, berichten Forscher auf dem Neurologenkongress. Bildgebende Verfahren lassen Ärzte die Entstehung von Schlafwandeln besser verstehen.

Berlin, 21. Juni 2010 - "In mehr als fünfzig Prozent der Fälle ist eine Hirnerkrankung Schuld an einer plötzlich auftretenden Verwirrtheit des Patienten oder der Patientin", sagt Prof. Claudio Bassetti (Neurocentro della Svizzera Italiana, Lugano und Universitätsspital Zürich). Er präsentierte heute auf dem Europäischen Neurologen-Kongress eine aktuelle Übersichtsarbeit zu diesem Thema. "Das heißt, wenn jemand Symptome einer akuten Verwirrtheit zeigt, müssen wir in Zukunft den Neurologen/die Neurologin holen und nicht den Psychiater/die Psychiaterin."

Grundsätzlich kann das Auftreten von akuten Verwirrtheitszuständen in zwei Gruppen unterteilt werden: "Die Ursachen für akute Verwirrtheit sind vielfältig", sagt Professor Bassetti. "Innerhalb des Nervensystem kann zum Beispiel eine Gehirnhautentzündung der Auslöser sein, oder eine Epilepsie. Außerhalb des Nervensystems handelt es sich oft um metabolische oder toxische Störungen wie zum Beispiel eine Leber- oder Nieren-Insuffizienz und Medikamente."

Besonders häufig treten Verwirrtheitszustände auch in Intensivstationen und bei Patient/-innen nach einer Operation auf. "Zahlen belegen, dass bei rund zwanzig bis fünfzig Prozent der Patient/-innen auf einer Intensivstation akute Verwirrtheitszustände auftreten, meistens zwei bis drei Tage nach Einlieferung", erläutert der Neurologe. Auch nach Herzoperationen ist die Gefahr eines akuten Verwirrtheitszustandes besonders groß. Dreißig bis fünfzig Prozent der Patient/-innen, die eine Bypass-Operation oder eine Operation am offenen Herzen erhalten, sind davon betroffen.

Doch nicht nur Krankheiten, sondern auch Vorbelastungen können diesen Zustand auslösen. "Grundsätzlich muss jede/r Patient/-in anders behandelt werden, es gibt aber einige Indikatoren für erhöhtes Risiko: Ist der/die Patient/-in über 65 Jahre, dement, depressiv oder dehydriert, steigt die Wahrscheinlichkeit einen Anfall zu erleiden massiv", so Prof. Bassetti. Ist der/die Patient/-in jünger, müsse auch immer an Drogen gedacht werden, "denn auch diese können einen Zustand akuter Verwirrtheit auslösen".

Für die Zukunft empfiehlt Prof. Bassetti, die betroffenen Patient/-innen zuerst von einem Neurologen/einer Neurologin untersuchen zu lassen und dann erst von einem Psychiater/einer Psychiaterin. Denn ohne adäquate Behandlung der Ursache können Verwirrtheitszustände Komplikationen wie Halluzinationen oder Folge-Verletzungen mit sich bringen. Rund 35 bis 40 Prozent der Krankenhaus-Patient/-innen, bei denen ein akuter Verwirrtheitszustand auftritt, sterben nach einem Jahr. Weiters fordert der Mediziner eine bessere Aufklärung von Angehörigen älterer Patient/-innen: "Viele Medikamente, die wir im Alltag benutzen, können in Kombination mit anderen Verwirrtheitszustände auslösen", so der Neurologe.

Ein Drittel der Schlafwandler/-innen verletzen sich oder andere - Hinweise für die Verbrechensaufklärung

Ein anderes Thema auf der Agenda des ENS-Kongresses in Berlin ist das häufig unterschätzte Phänomen Schlafwandeln. "Zwei bis vier Prozent der Erwachsenen in Europa sind Schlafwandler/-innen, es ist also viel häufiger als bisher angenommen", berichtet Prof. Bassetti. "Im Erwachsenalter steigt auch die Gefahr, sich selbst und andere zu verletzen." In der von Prof. Bassetti präsentierten Studie zeigte sich, dass 30 Prozent der untersuchten Schlafkranken sich selbst oder ihre Mitmenschen verletzten.

"Diese Einsicht wird auch Einfluss auf die Aufklärung von Gewalttaten im Schlaf haben", ist Prof. Bassetti überzeugt. Auch abnormes sexuelles Verhalten kann unter Schlafwandler/-innen vorkommen. Die Betroffenen ziehen sich nackt aus, haben Sex im Schlaf, vergewaltigen im schlimmsten Fall ihren Partner. "Nicht jeder Schlafwandler ist aber ein Gewalttäter", beruhigt der Neurologe.

Dissoziation zwischen Hirn und Körper

Medizinisch können die Forscher mittlerweile besser nachvollziehen, was im Körper eines Schlafwandlers vorgeht. "Mit Hilfe bildgebender Verfahren können wir nun mit Sicherheit sagen, dass Schlafwandeln durch eine Dissoziation zwischen Gehirn und Körper hervorgerufen wird. Einige Regionen im Gehirn sind schon aktiv, während es andere noch nicht sind. Der Körper ist also schon wach, der Geist ist es noch nicht", erläutert Prof. Bassetti. Schlafwandeln zählt bis heute zu den rätselhaftesten Phänomenen in der Medizin.

Hinweis auf neurologische Erkrankungen

Auch in Hinblick auf die Ursachen der Krankheit können die Expert/-innen mit neuen Erkenntnissen aufwarten. "Wir wissen heute, dass Schlafwandeln auch im Rahmen von neurologischen Erkrankungen wie Parkinson oder Epilepsie auftreten kann", Prof. Bassetti. Bei Epileptiker/-innen handelt sich um eine besondere Form des Schlafwandelns. Es wird auch als "nächtliches epileptisches Wandeln" bezeichnet. Können die Ärzte eine neurologische Erkrankung als Ursprung des Schlafwandelns ausmachen, helfen die Medikamente zur Behandlung der Krankheit, um auch das Schlafwandeln in den Griff zu bekommen. "Trotzdem empfiehlt es sich immer, Sicherheits-Maßnahmen zu ergreifen, um Verletzungen zu vermeiden", so der Mediziner.

ENS Pressestelle:

Dr. Birgit Kofler

B&K Bettschart&Kofler Medien- und Kommunikationsberatung

E-Mail: kofler@bkkommunikation.com

Mobil: +43-676-6368930, Telefon: +43-1-3194378